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Interview mit Hans-Jürgen Langenbahn von Kaffee-Maskal – Teil 2

So und hier wie versprochen der zweite Teil der Fragen & Antworten:

F: In welchen Bereichen achten Sie selber bei Ihren persönlichen Einkäufen auf nachhaltige Produkte und wo würden Sie sich wünschen, dass es mehr nachhaltige Alternativen gebe?

Langenbahn: An vorderster Front stehen da die Lebensmittel. Ich gehe wann immer möglich auf einen der vielen kleinen „Farmer´s Markets“, die es hier in Ottawa verteilt über die Stadt jeden Tag gibt. Danach wird es aber schon etwas eng, denn gerade in Kanada steht unter 2 von 3 Produkten, die ich umdrehe, „Made in China“. Da muss ich mich noch erst durchs chinesische Unterholz kämpfen. Auf meiner Prioritätenliste stehen aber als nächstes Kinderspielsachen und -kleider an. Näher auf die Nachhaltigkeit von Produkten möchte ich aber bei der Beantwortung Ihrer letzten Frage eingehen.

Noch eines vielleicht. Beim Einkaufen fällt mir immer wieder folgendes auf: In Supermärkten wie „Basic Food“ (der Name ist selbstredend) gehen die Leute durch die Regalgänge, füllen ihre Wagen voll bis oben hin – weil’s billig ist -, und das Gemüse sieht spätestens ab dem Nachmittag so unappetitlich aus, dass ich es nicht mehr anzufassen wage. Im Bio-Laden hingegen sieht das Gemüse immer unappetitlich aus (alt und vertrocknet). Man könnte allerdings den Eindruck gewinnen, man sei gar nicht in einem Bio-Laden, sondern vielmehr in einer Buchhandlung: Überall stehen (nicht gehen!), ausgerüstet mit kleinen Tragekörbchen die Leute rum – und lesen; sie lesen Produktbeschreibungen! Sie lesen mit Vergnügen. Das Einkaufen zieht sich in die Länge, und das Körbchen bleibt trotzdem halb leer; und der im wahrsten Sinne des Wortes „zusammengelesene“ Inhalt ist womöglich teurer als der überquellende Einkaufswagen der andern in „Basic Food“!

Aus dieser Beobachtung ziehe ich den Schluss, dass (und damit beantworte ich Ihre Frage nach den Alternativen) wir mehr, am besten flächendeckend mehr nachhaltig gefüllte Geldbeutel und mehr Bildung resp. Lese- und Wissensdurst brauchen – damit mehr und mehr Leute sich zunehmend selbst aufklären und gezielter einkaufen resp. ihr Verhalten ändern. Es macht nur bedingt einen Sinn und reicht nicht aus, allein nachhaltige Produkte zu produzieren und sie zu vermarkten; vielmehr muss der Kunde in der Lage sein bzw. in sie versetzt werden, Produkte beurteilen zu können, dies vor allem auch zu wollen und – sie sich leisten zu können! Für letzteres braucht man ein gutes Einkommen, d.h. gemeinhin einen guten Job, und der setzt in der Regel eine gute Ausbildung voraus. Bildung und Ausbildung scheinen mir Basis-Voraussetzungen für die Verwirklichung einer nachhaltigen Lebensweise zu sein.

F: Wo informieren Sie sich über nachhaltige Produkte und wo kaufen Sie diese ein?

Langenbahn: Meine wichtigsten Informationsquellen sind das Internet und … das Lesen im Bio-Laden. Letzteres macht allerdings nur einen Teilaspekt meiner persönlichen Nachhaltigkeits-Bewertung aus. Was meine Einkaufsorte betrifft, so möchte ich auch hier wieder auf die Beantwortung der letzten Frage verweisen.

F: Welche Kriterien sind für Sie bei der Auswahl nachhaltiger Produkte wichtig (Gütesiegel, Testergebnisse etc.)?

Langenbahn: Als Anhaltspunkt selbstverständlich die Gütesiegel und, sofern vorhanden, Testergebnisse. Letzten Endes vertraue ich aber nur meine eigenen Recherchen, bei denen ich versuche, so viel als möglich an Informationen miteinander vergleichen und abzuwägen. Das kostet zwar Zeit, man lernt aber auch eine ganze Menge dabei!

Wenn man, wie ich, mit einem Produkt wie Kaffee zu tun hat, dann sind zwar Gütesiegel und Testergebnisse weiterhin Anhaltspunkte, ich gebe Ihnen aber die Garantie, sie werden innerhalb kürzester Zeit keiner Produktbeschreibung mehr trauen, nicht der im Handel und erst recht nicht der im Fachhandel! Die große Kunst ist es, dem Verbraucher etwas vorzugaukeln was nicht oder gerade Mal im „Nano-Bereich“ vorhanden ist, oder Formulierungen so geschickt zu wählen, dass der Verbraucher mit größter Wahrscheinlichkeit auf eine falsche Fährte geschickt wird.
Hinzu kommt, dass leider auch in der Spezialitätenkaffee-Szene dem Verbraucher oft nicht einmal bewusst etwas vorgegaukelt wird, sondern Fehlinformationen aus Unwissenheit, anders ausgedrückt, aus den Nicht-Bereitschaft, sich ausgiebig zu informieren, in die Welt gesetzt werden. Sie wären erstaunt über den Umfang meines Stapels mit Anbietern von „äthiopischem Wildkaffee“, den ich über die letzten zusammengetragen habe! Da werden„Wildkaffees“ aus Regionen angepriesen, in denen z.T. kein einziger wild gewachsener Kaffee- oder sonstiger Baum mehr steht oder je gestanden hat. Der Aussicht auf  gute Geschäfte fällt als erstes die Wahrheit zum Opfer, und ein wesentlicher Grund dafür ist, dass man vermeidet, genau hinzuschauen.

F: Wie würden Sie nachhaltige Produkte verkaufen bzw. vermarkten?

Langenbahn: Zunächst muss ich mir selbst 100 % sicher sein, dass die betreffenden Produkte bezüglich aller wesentlichen Aspekte nachhaltig sind, d.h. dass sie ökologisch und sozioökonomisch nachhaltig sind. Auf Grund der Komplexität der Zusammenhänge ist dies, wenn man die Sache ernst nimmt, ein schwieriges Unterfangen. Verkaufen und vermarkten kann ich die Produkte nur, wenn ich das Vertrauen, das ich selbst in die Produkte habe, in Wort und Bild nach außen transportieren kann.

Es reicht aber eben nicht z.B. zu sagen, „Dieser oder jener Kaffee ist bio und FairTrade“ und „die Lebensverhältnisse der Bauern und Lohnarbeiter werden durch den Kauf  dieses Kaffees verbessert“, wie es leider fast immer und überall zu lesen und zu hören ist! Was ist eigentlich eine „Verbesserung von Lebensverhältnissen“? Nehmen wir ein Mal die Lohnarbeiter bei der Kaffee-Ernte. Wenn Sie in Äthiopien zur Erntezeit in die Städte der großen Anbaugebiete gehen, gibt es in den Kneipen für die zahlreichen temporären Lohnarbeiter Alkohol und Prostituierte im Überfluss! Schlecht, könnte man meinen. Aber am Alkohol verdienen jede Menge Leute, von den  Herstellern bis zur Bedienung, und die Prostituierten kommen auch über die Runden. Gut, könnte man meinen. Aber die Lohnarbeiter versaufen einen Teil ihres Lohnes und manch einer mag sich mit AIDS infizieren. Schlecht, könnte man meinen, aber daran verdienen andere … Was erreichen wir also tatsächlich z.B. mit einer Forderung nach höheren Einkommen und „besseren Lebensverhältnissen“ für die Lohnarbeiter?

Sie sehen, allein dieser winzige Ausschnitt, den ich nur angerissen habe, wird bei genauerer Betrachtung schon sehr komplex! Ich möchte damit nur darauf hinweisen, dass wir die Sache mit der Nachhaltigkeit von Produkten nicht auf die leichte Schulter nehmen und uns eine Art „Ablass“ erkaufen sollten. Ich kann es mittlerweile wirklich nicht mehr ertragen, zum 150sten mal auf der 150sten Website zu lesen „Sie tragen damit dazu bei, die Lebensverhältnisse der Bevölkerung zu verbessern“. Damit verschaffen sich viele lediglich ein gutes Gewissen – und fürs Geschäft kann so was ja durchaus von Vorteil sein.

Natürlich gibt es Organisationen, Verbände, Vereine und Einzelpersonen die sich überall auf der Welt stark engagieren und vor Ort Großartiges Leisten. Aber auch dabei muss man sich immer darüber im Klaren sein, dass jeder Eingriff, den wir leisten, möglicherweise Entwicklungen anstößt, die unsere Absichten zumindest teilweise in Frage stellen. So sagte mir kürzlich die Cousine meiner Frau, beide gebürtig in Rwanda: „Ihr bringt uns Entwicklung und nehmt uns unsere Lebensqualität!“ Darüber muss man ernsthaft nachdenken!

F: Es wäre schön, wenn Sie unseren Lesern noch Ihre persönliche TOP 10 der nachhaltigen Produkte nennen könnten (idealerweise mit Bezugsquelle). Welche nachhaltigen Produkte gefallen ihnen besonders gut bzw. haben Ihnen nach dem Kauf besondere Freude bereitet?

Langenbahn: Da ich gerade „Nachhaltigkeit“ für mich re-definiere und einen breiter gefassten Kontext dafür anlege, möchte ich der Beantwortung Ihrer Frage gerne einen für mich grundlegenden Gedanken vorausschicken.
Ich bin überzeugt, dass wir uns noch viel tiefgreifender mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ beschäftigen müssen als wir es bisher tun, denn er beinhaltet – was nicht neu ist – mehr als nur ein neues Produktions- und Konsumverhalten. Nachhaltigkeit, und das vermisse ich in der allgemeinen Diskussion, beinhaltet etwas, das wir als Spezies Mensch nicht nur nicht kennen, sondern etwas, das kein Lebewesen auf diesem Planeten kennt: Die Natur durch ein an sie Zurückgeben zu bewahren.

Gewiss gibt es einzelne Menschen, die das praktizieren – auch schon ihn früheren Zeiten. Aber von denen rede ich nicht. Ich rede auch nicht von den privaten und staatlichen Forsten oder Naturschutzparks, die nur wenigen Einzelpersonen bzw. dem jeweiligen Staat gehören, und bei denen illegales Eindringen unter Strafe steht. Ich rede auch nicht von „Renaturalisierungsmaßnahmen“ oder Wiederaufforstungen, die in ihrem bisherigen Umfang global gesehen vernachlässigbar sind. Ich rede von der Spezies Mensch als Ganzes.

Wir müssen uns von den leider immer noch kursierenden romantischen Vorstellungen befreien, dass in früheren Zeiten  oder in anderen Gesellschaften die Menschen „in Harmonie mit der Natur“ gelebt haben (besonders häufig müssen hierfür die „Steinzeitmenschen“, die Indianer, Inuit, Buschleute oder Pygmäen herhalten). Das ist barer Unsinn! Der Mensch hat mit der Natur immer nur eines gemacht: Er hat von ihr genommen. Das haben unter anderem archäologische Forschungen (oder genauer ur- und frühgeschichtliche Forschungen), die Ende der 70er Jahre erstmals die damals neu aufkommenden ökologische Fragestellungen aufgegriffen haben deutlich gezeigt. Ich habe diese spannende Zeit der neuen Sichtweise in der Forschung aktiv miterlebt und gesehen, wie neue Fragestellungen zementierte Meinungen zerbröseln lassen.

Der Unterschied zwischen früheren Zeiten und heute ist lediglich, dass es damals wesentlich weniger Menschen gab als heute, und sich die Eingriffe in die Natur deshalb nicht in dem Maße bemerkbar machten wie heute. Das Verhalten war damals wie heute aber exakt das Gleiche! Auf den Punkt gebracht könnte man sagen: Pinguine fressen Fische, Seelöwen fressen Pinguine, und für alles, was zu groß oder zu clever ist, um gefressen zu werden, ist der Mensch zuständig. Und dieser Mensch durchwühlt seit Jahrtausenden die Erde nach Rohstoffen, holzt ab, schafft Wüsten (wie ich es in gigantischen Ausmaßen in den 80er Jahren im Sudan beobachten konnte) und vieles mehr. Und was hat die Spezies Mensch der Natur bisher zurückgegeben?

Nachhaltigkeit muss mehr sein als eine Modeerscheinung. Wenn sie tatsächlich fundamental greifen sollte, würde dies einen neuen Schritt in der Evolution des Menschen bedeuten. So wie der Mensch im Laufe der Evolution „soziales Verhalten“ lernen musste, um artgerecht zu überleben, muss er jetzt, ebenfalls um zu überleben, „Nachhaltiges Verhalten“ lernen – im Umgang mit seiner Umwelt und sich selbst. Das wird kein einfacher Prozess werden!

Als ersten müssen wir dabei lernen, dass die Welt nicht „um uns“ ist, sondern dass wir „mitten drin“ sind. Es ist deshalb an der Zeit, nicht mehr (das ist ebenfalls kein neuer Gedanke) von der „Umwelt“, sondern von der „Mitwelt“ zu reden, auch wenn der Begriff „Mitwelt“ weiterhin eine stark anthropozentrische Sicht der Dinge ausdrückt. Aber vielleicht hat jemand einen besseren, treffenderen Begriff vorzuschlagen.

Auf Grund dieser Überlegung möchte ich Ihnen lieber neben einigen Produkten (dies wären, wenn Sie erlauben, einiger meiner Kaffees), ein paar Dinge vorstellen, die aus meiner Sicht entweder bereits grundlegend sind oder wegweisend für nachhaltiges Denken, Leben und Arbeiten sein könnten. Dies wären:

  1. Zunächst Ein wichtiges Buch: Muhammed Yunus „Die Armut besiegen“. Das Buch sollte in jeder Buchhandlung zu bekommen sein, kann natürlich aber auch online, z.B. bei Amazon bestellt werden. Muhammad Yunus regt darin die Schaffung von Sozialunternehmen an, Unternehmen, die nicht ausschließlich gewinnorientiert sind, sondern vor allem einem dienen: Der Erfüllung eines (selbst gestellten) sozialen Zwecks. Eine wichtige Schrift für alle zukünftigen „Social entrepreneurs“.
  2. Ein Video:
http://video.google.com/videoplay?docid=3344855205079726775

Das Video über den Kaffeeanbau einer Familie auf Hawaii ist ein Paradebeispiel für nachhaltiges Leben und Arbeiten sowie aktivem Handeln gegen die Genmanipulations-Industrie, für die Hawaii zu einer Art Paradies für Freilandversuche geworden ist.
Das Video bitte ganz anschauen, auch wenn es eine Länge von 23 Minuten hat! Spannend ist vor allem die 2. Hälfte!

3. UTZ Certified - www.utzcertified.org – wegen der Richtigkeit des Ansatzes.

Nun ein bisschen Eigenwerbung für einige meiner Kaffees (www.maskal.de):

Unser neuer bio-zertifizierter Sidamo-Espresso aus Äthiopien, den wir Anfang 2009 anbieten werden. Der Kaffee wird in enger Kooperation mit den Bauern erzeugt, ist eine „Special preparation“ mit dem höchsten Qualitätsgrad (Grad 1) und wir zahlen zum normalen, schon sehr hohen Erzeugerpreis, an die Bauern noch zusätzlich 3,- €/kg Rohkaffee (!) für weitere qualitätsstabilisierende Maßnahmen. Ich kenne die Leute, die mit den Bauern vor Ort zusammenarbeiten und schätze ihre Arbeit.Die Frage ist allerdings, ob wir für den zwangsläufig hohen Endverbraucherpreis des Röstkaffees überhaupt Käufer finden werden. Aber gut, ich möchte es auf jeden Fall versuchen!

Yirgacheffe special. Der Exporteur, den ich seit vielen Jahren kenne, hat 6 Jahre lang eng mit den Bauern zusammengearbeitet, um die jetzt erreicht hohe Qualität des Kaffees zu erzeugen. Der Exporteur ist einer der hoch angesehenen Exporteure innerhalb und außerhalb Äthiopiens.

Gizmeret. Für die Gizmeret-Kooperative, die letztes Jahr aus dem Kooperativen-Dachverband ausgetreten ist, weil dort ihre Margen für die verschiedenen Zertifizierungen in der Verwaltung „stecken geblieben“ sind, habe ich mich zu Beginn diesen Jahres selbst intensiv eingesetzt und u.a. zusammen mit einem Kollegen hier in Kanada eine Abnahmegarantie gegeben.

Der Kooperative wurde in der Vergangenheit auch auf andere Arten übel mitgespielt. So hat beispielsweise ein Exporteur den Versuch unternommen, für die Kooperative ein Bio-Zertifikat erstellen zu lassen, ohne dass die Kooperative etwas davon wusste! (Raten Sie mal, wer, wenn die Sache nicht aufgeflogen wäre, die Margen für die Zertifizierung „abgesahnt“ hätte!)
Die Kooperative, die letztes Jahr auf Grund all dieser Vorkommnisse fast vor dem Aus stand, hat sich aber wieder zusammengerauft, eigene Initiativen ergriffen und ist wieder auf dem besten Wege.

Gololcha (Espresso No. 5). In die Entwicklung dieses Kaffees habe ich selbst viel Zeit, Schweiß, Geld und Nerven investiert. Das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen, kann sich jedoch mehr als sehen lassen. In Kürze werden wir den Espresso No. 5 auch mit Bio-Zertifikat anbieten können.

Gayo-Arinagata. Dieser bio- und UTZ-zertifizierte Kaffee wurde über private Beziehungen eines Kollegen direkt von der kleinen Erzeugerkooperative „Arinagata“ nach Deutschland gebracht. Da die Sache sehr aufwendig war, wurde inzwischen ein Importeur angefragt, der den Kaffee in den nächsten Wochen wahrscheinlich kaufen wird.
Der Kaffee wird im Hochland von Aceh produziert, in dem während des Unabhängigkeitskampfes fast alle landwirtschaftlichen Tätigkeiten zum Erliegen kamen. Erst seit dem Friedensabschluss in Helsinki im Jahre 2005, der in Folge des verheerenden Tsunami zustande kam, erholt sich die Landwirtschaft und damit auch der Kaffeeanbau wieder.

Zum Schluss aber meine beiden wichtigsten nachhaltige „Produkte“:
der mittlerweile seit über 60 Jahre anhaltende Friede in Europa! Meine Mutter hat mir als Kind immer und immer wieder von den zweimaligen Evakuierungen (unser Dorf liegt direkt an der deutsch-französischen Grenze), von den Bombardierungen, den Tieffliegerangriffen, von all dem Leid und den Zerstörungen erzählt, dass mich das in meiner Persönlichkeit stark geprägt hat. Wir alle, die nach 1945 geboren sind, können die Bedeutung dieser Errungenschaft „Frieden“, in der wir aufgewachsen sind, als sei das Schweigen der Waffen die größte Selbstverständlichkeit, wirklich nicht abschätzen.

Da es, soweit wir historisch gesichert zurückblicken können, noch nie eine solch lange Friedensphase in Europa gegeben hat, fehlt uns im Grunde die gesellschaftliche Erfahrung, mit einer solch langen Friedenszeit umgehen zu können. Deshalb müssen wir diesen Friedenszustand als unser wertvollstes und zugleich sensibelstes betrachten und all unserer Bestreben darauf ausrichten, es so lange als nur irgend möglich zu bewahren. Die derzeit einzige politische Form, die dies in Europa garantieren kann, ist

- die Demokratie, auch wenn sie manchmal anstrengend erscheinen mag. Aber nur sie garantiert, um den zentralen Begriff dieses Interviews noch ein Mal aufzugreifen, die Nachhaltigkeit des Friedens! (PS: ich rede bewusst von Europa, da für viele Länder dieser Erde die Voraussetzungen für demokratische Strukturen noch nicht gegeben sind.)
Die größte Gefahr, die ich für die Demokratie, und damit für den Frieden sehe, sind nicht rechte Parolenschwinger, sondern die Dekadenz. Und wenn ich mich einen Nachmittag lang mal vor den Fernseher setzte (wie letztens, als ich erkältet war), da gehen mir bisweilen düstere Gedanken durch den Kopf. Sehr düstere …

1 Kommentar

  1. Klasse Interview, Hans! Weil ich eben geahnt hatte, dass da eine Menge mehr drinn ist, als auf der Parade stand, musste ich der kleinen Enttäuschung Luft verschaffen … aber wir wärmen ja hier keine ollen Kamellen mehr auf, gell ;-) .

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