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Das Ruder herumreissen – Nachhaltiger Konsum im Klimawandel

Der nachhaltige Konsum muss Abschied nehmen von der Idee “Alles ist wichtig!”. Nur so lässt sich echter strategischer Konsum verwirklichen: Ein Lebenstil der global verallgemeinbar ist und CO2-Emissionen radikal reduziert.

Der Klimawandel ist Realität. Der vierte Klimabericht des “International Panel on Climate Change” macht klar: Am Klimawandel bestehen keine nennenswerten wissenschaftlichen Zweifel mehr. Ebenso klar und bewiesen ist, wer das Klima aus seinem natürlichen Rhythmus gebracht hat: der Mensch!

Die Erwärmung des klimatischen Systems ist unzweifelhaft. Sie ist das Resultat menschlicher Aktivitäten seit 1750.

Wer einigermaßen klar denken kann und keine wirtschaftlichen Interessen verfolgt, der leugnet das auch nicht mehr. Ein Kurswechsel ist möglich! Konsumenten und ihr Konsum- und Lebensstil sind dabei EINER der relevanten Triebkräfte.

Unser Konsumstil ist nicht auf alle Menschen verallgemeinbar
Dieser Kurswechsel muss bei unserem Konsum- und Lebensstil ansetzen. Bei den Pro-Kopf-Emissionen von CO2 liegen die westlichen Industriestaaten weit über denen der restlichen Welt. Gleichzeitig plädiert auch Angela Merkel für die Anerkennung gleicher Emissionsrechte für alle Menschen. Das stellt aber den westlichen Konsumstil in Frage. Die Deutschen stoßen pro Jahr und Kopf 10t CO2 aus. Die Amerikaner doppelt so viel. Dies liegt weit über der ökologischen Tragfähigkeit von 2 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr. Wie soll somit unser aktueller Konsum- und Lebensstil auf Indien, China und den Rest der Welt verallgemeinbar sein? Die Antwort: Gar nicht! Milliarden von Menschen eifern aktuell unserer Lebensweise nach. Wenn all diese in eigenen Häusern wohnen, 5er BMWs fahren und vermehrt Fleisch essen – dann ist sind wir Mitten in der Klimakatastrophe!

Zwischenfazit: Unser Lebensstil ist ungerecht und extrem klimaschädlich. Er ist mit einem hohen Einsatz natürlicher Ressourcen und Energie verbunden. Unser Konsumstil und “way of life” ist nicht weltweit verallgemeinbar, d.h. nicht-nachhaltig.

Daher müssen wir Alternativen entwickeln. Wir leben dann diesen neuen “green way of life” vor und bieten ihn so zur Nachahmung anderen Menschen an. Lasst uns hoffen, dass dieser “green way of life” eine genauso hohe Anziehungskraft entwickelt, wie der “Coca-Cola-BMW-iPod”-way of life!

Das Wichtigste zuerst!
Die Zeit drängt, daher müssen wir uns auf das Wirkungsvollste konzentrieren und dürfen uns nicht mit “Peanuts” aufhalten. Die durch den Menschen verursachte Klimaänderung schreitet unerbittlich voran. Die globale Erwärmung muss auf 2°C begrenzt werden. Alles was darüber liegt, gilt als unkontrollierbar! Damit wir dieses Ziel erreichen, muss schnell gehandelt werden. Nicht in einem Jahr, nicht nach der Wirtschaftskrise. Sondern jetzt! Das Ziel der Pro-Kopf-Emission von 2 Tonnen CO2 muss bis 2050 umgesetzt sein, damit die Klimakatastrophe noch abgewendet wird. Wie soll das erreicht werden?

Für Fred Grimm ist das ganz simpel: Fair-Trade-Produkte bevorzugen, beim T-Shirt-Kauf auf Öko-Baumwolle bestehen, den Computer ausschalten, wenn man ihn nicht mehr benutzt und im Winter keine Erdbeeren essen! Die Ratgeberliteratur, hippe Organisationen und Politiker überbieten sich geradezu mit nachhaltigen Tipps für Konsumenten.

Michael Bilharz sieht das ganz anders und fasst seine Meinung in ein gutes Bild:

Stellen Sie sich vor: Es ist Winter und im Haus geht ein Fenster zu Bruch. Gleichzeitig bricht in der Küche ein Feuer aus. Was tun? Beides ist irgendwie wichtig, beides erfordert unser Handeln. Doch wir können uns nicht zerreißen, wir können nicht beides gleichzeitig tun. Deshalb: Erst mal das Feuer löschen! Klar, oder?
Sprich: Das Wichtigste zuerst. So ist das auch beim nachhaltigen Konsum: Viele Fenster sind kaputt, es brennt und im Keller steht das Wasser. Da können wir nicht in aller Ruhe uns auf die Suche nach überflüssigem Stand-by-Betrieb machen, Müll sortieren und hoffen, dass wir irgendwann mal zum Löschen kommen. Unser Handeln als Konsument ist gefragt. Nicht irgendwie, sondern an den zentralen Hebeln, die wirklich löschen können.

Zwischenfazit: Uns bleibt keine Zeit mehr für Abwarten und Überlegen. Wir müssen jetzt und durchgreifend handeln! Und wir müssen die Bereiche anpacken, die die größte Auswirkung auf die Nachhaltigkeitsbilanz der Masse haben.

Von “Alles ist wichtig” zu “Manches ist wichtiger”
“Keine Erdbeeren im Winter” und “Müll trennen”! Sind das die wichtigsten und wirkungsvollsten Tipps für den Mensch und die Umwelt?! Sicher nicht. Klar, der Konsument verbraucht mehr Energie beim Konsum von Erdbeeren im Winter als bei dem Griff zu Äpfeln aus regionaler Produktion. Aber durch den Verzicht auf Wintererdbeeren reduziert der Verbraucher nur minimal seine persönliche Ökobilanz. Erdbeeren machen nämlich nur einen kleinen Teil unseres Lebensmittelkonsums aus und dieser wiederum nur einen Prozentsatz von dem Gesamtenergieverbrauch. Bilharz bringt es auf den Punkt: “Der Verzicht auf Erdbeeren hat demnach eher symbolischen Charakter.”

Ob wir dagegen ein eigenes Auto besitzen oder auf Car-Sharing umsteigen, in einem gedämmten Haus leben oder im nicht-renovierten Haus zum Fenster herausheizen, macht dagegen einen gewaltigen Unterschied. Diese Konsumentscheidungen beeinflussen die eigene und die kollektive Nachhaltigkeitsbilanz schnell zu 20% und mehr! Es existieren also Prioritäten und Gewichtungen bei den “nachhaltigen Tipps & Produkten”. Diese gilt es zu erkennen und dann besonders solche Produkte an den Mann und an die Frau zu bringen, die sich um diese Prioritätsfelder drehen.

Prioriäten eines wirkungsvollen “green way of life”:

  • Möglichst sparsam Räume heizen
  • Gut gedämmtes Haus
  • 3-Liter-Auto
  • Car-Sharing
  • Wohnung statt Haus bewohnen
  • Möglichst geringe Wohnfläche bewohnen
  • Möglichst wenig fliegen
  • Weniger Fleisch essen
  • Bio-Lebensmittel kaufen
  • Investitionen in regenerative Energien
  • Kauf von Ökostrom

Die Produkte mit möglichst großer Wirkung verkaufen
Wir von EinfachNachhaltig.de möchten unseren Beitrag zu mehr gelebter Nachhaltigkeit und einem “green way of life” leisten. Wir möchten dort Leidenschaft zeigen, wo es sich für die Sache richtig lohnt. Unter EinfachNachhaltig.de stellen wir peu a peu besonders wirkungsvolle, nachhaltige Themen ab kommender Woche vor und verkaufen auch ausgewählte Produkte. Wir freuen uns auf den Besuch und über (offenes) Feedback zum Konzept!

5 Kommentare

  1. Michael Bilharz plädiert ja für die “Key Points” strategischen Konsums, also wie Du beschrieben hast DIE Strategien, die er als grundsätzliche Lebenswandelentscheidungen für am effektivsten hält, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu minimieren/reduzieren.

    Ich glaube, dass dem kaum jemand ernsthaft widerspricht. Allerdings tun sich bei Fragen der ökologischen & strategischen Lebensführung doch auch andere Problemlagen auf. Nämlich die Tatsache, dass ökologische Lebensführung für bestimmte gesellschaftliche Gruppen in Deutschland einfach nicht leistbar ist.

    Sicher ist es weder nachhaltig noch zukunftsfähig zu glauben, dass die Fortführung des westlichen Lebensstils für immer mehr Menschen und unseren Planeten längerfristig tragbar ist. Allerdings muss auch gefragt werden, „wen man durch Raster fallen lassen“ muss/kann/möchte. Denn wie schon Michael Shellenberger und Ted Nordhaus in ihrem Essay „The Death of Environmentalism“ dargestellt haben, ist Umweltbewusstsein für viele Menschen eine Priorität – nur eben keine Top-Priorität. (Eine entsprechende Studie belegt dies auch für Deutschland: Tagesschau – Beim Geld hört Umweltschutz auf) Und: Es gibt Menschen, die sich eine ökologische Lebensführung einerseits nicht leisten können, andererseits durch ihre ökonomische Situation auferlegt bekommen. Hier ist die Frage, ob die Selbstverpflichtung zum Verzicht (Flugreisen, große Wohnfläche) im Verhältnis stehen zu bspw. fleischarmer/-freier Ernährung und die Möglichkeit, sich hauptsächlich über Bio-Produkte zu versorgen. Denn in bestimmter Hinsicht sind Geringverdiener, Hartz IV-Empfänger etc. zu einem strategischeren Konsumverhalten gezwungen, als Menschen, die freiwillig auf den Urlaub mit Flugreisen verzichten und dafür Fahrradurlaub machen.

    Auch öffentliche Verkehrsmittel, Car-Sharing-Programme oder der ökologisch gestaltete Wohnraum müssen finanziert werden. Hier stellen sich Fragen der sozialen Gerechtigkeit – denn auch mit Bioprodukten im Supermarkt muss man unter heutigen Bedingungen die Tatsache in Rechnung stellen, dass eine ökologische Lebensweise u.a. vom Geldbeutel abhängt: taz – Ökologie ist für viele Menschen Luxus.

  2. Widerspruch:
    Erstens ist es leider nicht so, dass dem niemand widersprechen würde. Die Idee mit „In kleinsten Schritten anfangen“ ist noch immer für viele Umweltaktivisten der zentrale Rettungsanker für ein „Das wird schon gut gehen“. Man lässt sich da auf Diskussionen über Prioritäten gar nicht ein.
    Zweitens ist zwar das Argument, dass die Key Points nicht alle Bevölkerungsgruppen erreichen würden, ein gern gezogener Joker, er „sticht“ aber in keinster Weise. Natürlich muss Umweltpolitik auch sozial ausgestaltet sein (z.B. bei der Gestaltung einer ökologischen Finanzreform, was z.B. mit einem Öko-Bonus recht einfach möglich wäre). Aber unter globaler Perspektive heißt soziale Gerechtigkeit, dass z.B. alle Menschen nur maximal 2 Tonnen CO2 verbrauchen dürfen. Und das heißt: 80% weniger in Deutschland, was wiederum nur mit Big Points beim Konsum geht. Sprich: Ohne die Umsetzung von Big Points nachhaltigen Konsums in Deutschland und anderen Industrieländern wird es global keine soziale Gerechtigkeit geben. Unter deutscher Perspektive gilt (wie auch global): Die Reichen sind das Problem, eben nicht der Hartz-IV-Empfänger oder Familien (was Du ja im Text selber anführst, dass diese zur ressourcenleichten Lebensweise gezwungen werden). Denn der Umweltverbrauch hängt in erster Linie vom Einkommen ab. D.h. die Vorschläge für Öko-Konsum müssen gar nicht den „Armen“ (der in Deutschland doch meistens auch noch sehr automobil ist) ansprechen. Ich erwarte nicht, dass der Hartz-IV-Empfänger im Öko-Laden einkauft. Aber schon beim Car-Sharing schaut es anders aus: Da ist nämlich Car-Sharing eine Option für ihn, überhaupt automobile Mobilität zu sichern. Also was soll das Gerede von „Car-Sharing müsse erst mal finanziert werden“? Und wenn dann durch Lohas und andere auch die wenigen teuren Sachen wie Öko-Lebensmittel zum Massenmarkt werden, werden sie erstens billiger und zweitens führt dann hoffentlich auch eine gute Umweltpolitik dazu, dass Bio-Produkte billiger als konventionelle Produkte werden.
    Deine Aussage „die Tatsache in Rechnung stellen, dass eine ökologische Lebensweise u.a. vom Geldbeutel abhängt“ suggeriert, nur Reiche könnten sich Öko-Konsum leisten. Und diese Aussage ist falsch, sie ist eine Irrlehre, die Rainer Grießhammer vom Öko-Institut schon vor Jahren in einem netten Text widerlegt hat: „Sie dürfen alles sagen – nur nicht dass umweltfreundlicher Konsum Geld kostet“. Die zentrale Energie- und Ressourcentreiber kosten nämlich Geld (große Wohnung, (großes) Auto, Reisen). Kurzum: Mit Key Points zur sozialen Gerechtigkeit! Das ist mein Anspruch.

  3. Hallo Keypointer,

    zum Thema Car-Sharing konkret: Ich kann nicht für ganz Deutschland sprechen, sondern nur für Marburg, wo wir das gerade mal konkret – da Eigenbedarf – durchgerechnet haben: Car-Sharing hier wäre auf Dauer deutlich teurer als bei Bedarf ein Taxi zu bestellen und auch im Vergleich (zum “Weniger” an Komfort mit) eigenem Auto – teurer. Ergo: Für den konkreten Fall, den ich als Rechnungsbeispiel da habe, ist es teurer, Car-Sharing zu finanzieren als 2 andere, naheliegende Alternativen zu bemühen.

    Zum Thema strategischer Konsum & Geldbeutel: Mitnichten war meine Aussage so gemeint, dass Umweltschutz nur für begüterte Menschen in Frage kommt oder gar möglich ist. Ich sehe da a) die pragmatische Seite (die wünschenswerte Politik, die ökologische Produkte “günstiger” macht als konventionell erzeugte, greift leider noch nicht) und b) die sozialethische Komponente. Nur ein Beispiel dazu: Natürlich „verlangt“ niemand von Hartz-IV-EmpfängerInnen Lebensmittel in Bio-Qualität zu kaufen. De facto ist aber bspw. die Ernährung ein strategischer Konsumbereich, der gleichzeitig einen positiven Mehrwert für die Verbrauchergesundheit hat. Die Einschränkung des Wohnraumes oder der bewusste Verzicht auf den Zweitwagen, den man sich mit entsprechendem Einkommen zwar leisten kann, auf den man der Umwelt zu Liebe aber verzichtet, ist mE eine ganz andere Sache. (Der Hartz-IV-Empfänger verzichtet, würde ich unterstellen, nicht freiwillig auf die positiven Effekt gesunder Ernährung.) Da habe ich sozialethische Bedenken: Während Verzicht auf „Bequemlichkeiten“ eine Frage der persönlichen Einstellung ist, ist der „Zwang“ auf kleinem Fuß zu leben, eben eine auferlegte Lebensführung. Ich stimme Grießhammer et.al. in ihrem Positionspapier von 2004 zu, indem „lebensstilspezifische Strategien“ & Leitbilder für nachhaltigen Konsum gefordert werden (S. 10).

    Das Beispiel könnte man jetzt unter unzähligen Aspekten sozialer Gerechtigkeit etc. diskutieren – muss man aber nicht. Ethisch ergibt sich die schon an sich diskussionswürdige Frage, ob ökologischer Lebensstil auferlegt werden darf oder – zumindest in den persönlichen Routinen – ein „freies“ Bekenntnis bleiben sollte. Die Key Points von Herrn Bilharz sind mE sehr gute Anhaltspunkte – aber, zumindest die, die im mir vorliegenden GEO-Artikel genannt werden – scheinen mir für ganz spezifische Gesellschaftsschichten realisierbar bzw. unerreichbar.

  4. Das ist genau unser Thema, bei The-Help.de. Aufkläen wo der größte Wirkungsgrad liegt und damit die höchsten Prioritäten informieren. Das kann und wird sich natürlich mit der Zeit verändern z.B. durch neue Techniken/Möglichkeiten. Wir zeigen, dass jeder Mensch helfen kann und laden herzlich zu mitmachen ein…www.the-help.de

  5. Pingback: Food 2.0 | Einfach Nachhaltig

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